Lieber Harry,

alles ist eingetroffen: Dein schöner Katalog „Kalt“, genauso wie die Fotos der Blumenbilder von Harald Hollo. Das Problem ist lediglich: mir fällt im nichts ein, was ich zu Deinen Blumenbildern Schreiben könnte. Dabei gefallen sie mir, Deine Blumenbilder. Das Ineinander und Durcheinander von Blühen und Welken, Werden und Vergehen in seiner üppigen Farbenpracht von Dir pastos dick aufgetragen, gefällt mir sogar sehr. Was Du im Blick auf Deine Landschaften immer mal wieder angedeutet hast, dass die Leute einem Missverständnis aufsitzen, wenn sie meinen es ginge Dir um ein Schildern des vor Augen Liegenden und dass sie sich wundern würden, wenn Du Ihnen erzähltest, worum es Dir geht – es scheint mir in den Blumenbilder tritt das von Dir Angedeutete zu Tage, obwohl Du Dich natürlich auch gehütet hast mir zu erzählen, worum es Dir eigentlich geht. Das Stillleben als Kampf, als Dschungel und Abgrund, irgend so etwas scheint das zu sein, worum es Dir geht. Das Leben als einziger großer alles verschlingender Moloch und Vulkan, der ständig die Gestalt wechselt und wie Goyas Saturn seine Kinder frisst und gleichzeitig auskotzt. Dieses Schlingen und Wuchern und Mäandern der Linien, hoch und runter, steigend und fallend. Alles durchdringt alles, ist miteinander verwoben, verquickt. Die Vasen geraten zu Herzen, die das Blut in das vielfältig verzweigte, fein verästelte Adernsystem Deiner Blumen pumpen und den Prozess des Werdens und Vergehens stets aufs Neue befeuern. Alles vibriert und flirrt, ist Urgrund und Abgrund zugleich, Fressen und Gefressen werden oder, um es auf klassische Begriffe zu bringen, ist Chaos und Kosmos zugleich. Das alles malst Du so bewegt, so bunt, dass es nachgerade von einer schrecklichen tropischen Schönheit ist. Selbst die Luft schwirrt von den Geräuschen des Regenwaldes, die Schwüle treibt einem den Schweiß aus den Poren und es kann sich nur um Augenblick handeln, bis die Kolibris, die Affen und Lemuren, all das Gewürm und Geschlängel des Urwalds auf taucht. Chaos und Kosmos, Grund und Abgrund hast Du, jedenfalls ging mir das beim Blättern in „Kalt“ sofort durch den Kopf, paradigmatisch in den Baumbildern auf Seite 26/27 inszeniert. Hier (27) der Winterbaum im braunen Erdreich wurzeln, dort (26) ragen die Wurzeln über dem Nichts und geben den Blick in den Abgrund frei.

Mehr, Harry, fällt mir nicht ein, solange ich Deine Blumen auch betrachte, die mir so gut gefallen. Noch ist Zeit bis zum Erscheinen des Katalogs. Hoffentlich findest Du noch jemanden, der Dir etwas Sinnvolles schreiben kann. Sei herzlich gegrüßt

Martin Schneider