Begegnung mit Harry Meyer

I

Auf der Durchreise schaut er kurz vorbei. Viel Zeit bleibt uns nicht, gerade mal 40 Minuten, um uns kennen zu lernen. Deshalb kommt er schnell zur Sache. Dass er weiß, was er will, sagt er, dass er weiß, wie er’s will und dass er malen kann, sagt er, das solle ich einfach als gegeben hinnehmen und lacht. Überhaupt dieses Lachen. Harry Meyer ist nämlich ein höflicher, eher zurückhaltender Mensch. Manchmal wirkt er, ohne dass es seinem Selbstbewusstsein Abbruch täte, fast schüchtern und sein Lachen klingt, als wolle er sich entschuldigen, wenn und falls er – aber die Zeit drängt halt – mir zu nahe treten oder mich von etwas abhalten sollte oder... Plötzlich, mitten im Gespräch, steht er auf, tritt vor eins seiner Bilder, lässt die Finger die pastosen Bewegungen der Ölfarbe nachvollziehen und erklärt, dass ein Rot nicht einfach ein Rot ist, sondern, ob es auf einem Blau, Grau, Schwarz oder zwischen Orangegrünviolett sitzt, ob weiter oben auf einer pastosen Woge oder in einer Spalte, einem Riss, dass also ein und dasselbe physika­lische Rot jedes Mal ein anderes Rot ist, anders leuchtet, glimmt, glüht, strahlt, schimmert, Licht absorbiert oder reflektiert. Aus ihm heraus sprüht, strahlt, leuchtet, was ihn beseelt, aber selbst dann kann es passieren, dass er, kaum, dass er sich hat hinreißen lassen zu reden, zu ­er­klären, mit einem Mal lacht und ein wenig ver­legen abbricht, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er etwas so Selbstverständliches überhaupt erwähnt. Bloß für die Leute ist halt blau blau, rot rot und das ist natürlich ein Quatsch. Klar, sage ich, klar. Seine Bilder, sagt er, zum Beispiel das Tableau der 16 Köpfe, die 1998 in 36-stündiger Tag- und Nachtarbeit entstanden sind, seine Bilder also, stellt er oft, nach langem Malen, in einem Akt äußerster Konzentration fertig, der selten länger als fünf Minuten dauert, weil – das sagt er nicht, aber ich denk es mir – fünf Minuten ein Maximum an Anstrengung bedeuten und alle Kräfte aufgezehrt sind, wenn er fünf Minuten unter Aufbietung aller seiner Kräfte den Vorhang ­offen gehalten hat, um das Bild zu schauen, das er malen muss. Danach ist es weg, das Gesicht, und das Bild fertig oder misslungen.

Wie schwer es ist, ein Gesicht zu fixieren, fährt er fort. Eine Sache des richtigen Pinseldrucks, der Pinselstellung, der Körperhaltung, langer Erfahrung und der Schnellig­keit, nicht zuletzt der Schnelligkeit, wie schwer es also ist, sagt er, ­etwa über ein noch flüssiges Schwarz ein Gelb zu ziehen, es drauf zu legen aufs Schwarz, ohne dass die Farben sich vermengen und es einfach einen Mischmasch gibt. Wieder steht er vor ­einem Bild, malt mit den Händen in der Luft, duckt sich, spannt seinen Körper, macht einen kleinen Ausfallschritt und nimmt Maß. Alles ist eine Frage der Zeit und der Geschwindigkeit, sagt er, wird augenblicklich selbst ganz Auge und scheint, obwohl er weiterspricht, völlig vergessen zu haben, wo er sich befindet. Die Erschöpfung und Müdigkeit nach einer sechsstündigen Fahrt bei 30 Grad Hitze, die Anspannung im Stau, alles fällt von ihm ab. Im selben Moment begreife ich: Harry Meyer ist ein Besessener. Er malt, weil er malen muss. Malen ist für ihn nichts Beliebiges, das er tun oder lassen kann, Malen ist, wie soll ich sagen, seine Bestimmung, ist ihm Muss und Erfüllung und selten ist Harry Meyer so sehr Harry Meyer, wie eben in jenen Augenblicken, in denen er dieser Bestimmung folgt und malt.

II

Während mein Blick wieder und wieder über die im Fluss erstarrte Ölfarbe der 23 Köpfe Harry Meyers schweift, erinnere ich mich, wie ich als Kind, auf dem Rücken liegend, den am Himmel vorbeiziehenden Wolken auf dieselbe Weise nachschaute, um in ihnen bald dieses, bald jenes Gesicht zu entdecken. Wie ich die Augen schloss und wenn ich sie, nachdem ich langsam bis zehn gezählt hatte, öffnete, das Gesicht nicht wiederfand, das ich eben noch gesehen hatte, weil der Fluss der sich überlappenden, ­ dahintreibenden Wolken es gelöscht hatte. Mit Meyers Bildern ist es ähnlich. Wolkenfor­mationen gleich schieben sich die Farben übereinander, verdichten sich, lichten sich, treiben, fließen dahin, wechseln ihr Gesicht. Alles ist im Fluss. Welches Gesicht wir etwa sehen, ist es nicht abhängig von dem Punkt, den wir fixieren, und ändert es sich nicht, wenn wir uns auf einen anderen konzentrieren? Harry Meyers Malerei spielt mit unserer Imagination und fördert nebenbei die Grenzen unseres Gesichtssinns zutage. Was wir aus der Distanz für ausgemacht halten: Augen, Ohren, Mund und Nase etwa, löst sich, je mehr wir uns der Leinwand nähern, im Wirbel des Pinselduktus auf, verflüchtigt sich im Mahlstrom der Farben zum Flecken, zur Linie, zum Punkt, bis alles rein Bewegung, Farbe und Form ist und sonst nichts. Erst wenn man sich wieder entfernt, setzen Bewegung, Farbe und Form das in ihnen angelegte Bild wieder frei. Die zahllosen Menschen, bei denen tagtäglich sie sehen und sie vergessen eins ist, dieses schier endlose tägliche Defilee von Gesichtern, die wir nicht festhalten können, diese Gesichter, die mit jedem Augenblick mehr verblassen, sich ­auflösen, verschwinden, sich bestenfalls zum Namen geronnen, also abstrakt, erinnern lassen, in Harry Meyers Köpfen sind sie präsent. Im ­Augenblick ihres Aufleuchtens, der kein anderer als der Augenblick ihres Vergehens ist, bannt er sie unter Aufbietung aller seiner Kräfte auf die Leinwand. Die Flüchtigkeit unseres Gesichtes, lässt sie sich treffender darstellen, als in Meyers weichen, zerfließenden Ölfarben, in diesem ­großen einzigen Fluss und Farbwirbel, der seine Malerei ist?

III

Dass Harry Meyer mich besucht hat, nachdem er nonstop bei brütender Hitze sechs Stunden von Augsburg nach Darmstadt gefahren war, dass die Zeit knapp war, an jenem heißen Junitag, dass der schwere Geruch der Ölfarben in den ­Tagen danach mich beständig daran erinnerte, dass ich leichtsinnigerweise versprochen hatte, etwas über seine Köpfe zu schreiben, das alles werde ich vermutlich noch in Jahren erinnern, aber, wie sein Gesicht aussah, die Beschaffenheit seiner Haut, seine Augen, seine Nase, die Farbe seiner Haare, das alles ähnelt bereits wenige Wochen später in meiner Erinnerung längst mehr einem vagen Schemen, denn einem Menschen aus Fleisch und Blut. „Aber, wenn du deine Augen schließt und dich anstrengst sein Bild zu beschwören, dann ....“, dann sage ich, ginge es mir, weil ich den Abstand verlöre, dann ginge es mir wohl wie mit Harry Meyers Köpfen, und die letzten Reste meiner Erinnerung würden sich im Wirbel der verzweifelten Annäherung ver­löschen. Beschreiben nicht Harry Meyers Köpfe kongenial dieses Dilemma? Dass jeder Versuch, das Vergangene festzuhalten und nicht ver­gehen zu lassen, in seinem Scheitern an nichts anderes erinnert, als unsere eigene Flüchtigkeit. Selbst vergänglich, sind wir ohnmächtig, das Vergehende vor seinem Schicksal zu bewahren und jedes noch so getreue Abbild eines Augenblickes ist, kaum gemacht, bestenfalls eine ­Beschreibung dessen, was nicht mehr ist. Und genau diese Flüchtigkeit, genau diese jämmer­liche, schänd­liche Flüchtigkeit, dokumentieren Harry Meyers Köpfe, beschreiben unsere Ver­fallenheit an den Augenblick, als unsere jämmerliche, erbärmliche Unfähigkeit zu bewahren, was wir lieben.

IV

Was Harry Meyer übrigens nicht gesagt hat bei unserer Begegnung, was aber gesagt werden muss, auch wenn man’s sieht, ist, dass es ihm manchmal gelingt, in seinen Bildern Entstehen und Vergehen, die Flüchtigkeit der Zeit und ihr kurzes Stillestehen, wilde Bewegung und Ruhe miteinander zu verbinden und, was sich in seiner Vergänglichkeit nicht festhalten lässt, wenigstens einen Herzschlag lang, vor dem Verschwinden zu bewahren.

Martin Schneider