Inkubator
Sieben Menschenbilder

„Gewaltig ist viel und nichts gewaltiger als der Mensch. ... Ratlos tritt er vor nichts, was kommt, nur dem Tod entrinnt er nicht.“ Sophokles, „Antigone“

Die alten Griechen und ihre Philosophie waren die ersten gewesen, die bewußt nach dem ­gesucht hatten, was im Dasein des Menschen unvergänglich ist. Bisher war alles Ewige und Unvergängliche den Göttern und Mythen zu­gehörig gewesen. Nun taten die frühen grie­chischen Philosophen und Kosmologen den ­entscheidenden Schritt über eine bis dahin nicht hinterfragte Grenze: Mensch, Ewigkeit und Welt waren nicht mehr Offenbarung, sondern Schöpfung – und damit gestaltete Ordnung. Wenn aber die Welt Ordnung ist, dann beruht diese Ordnung auf einem System und funktioniert nach Gesetzen. Der Mensch hatte sich durch die von ihm vorgenommene Entmythifizierung ein beinahe unendliches Betätigungsfeld geschaffen: nämlich die ihn umgebende Welt, ihre Ordnung, ihr System zu erforschen, das heißt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ausgangspunkt dieser Erforschung – ob bewußt oder unbewußt – ist der Glaube, ja das Vertrauen, auf dem zu findenden „Grund“ auch wirklich auf eine Ordnung zu stoßen; man geht a priori davon aus, „daß die Dinge nach ihrem tiefsten Wesen in einem Einklang sind, der die bloße Willkür ausschließt.“ So formuliert es ­Alfred North Whitehead. Ein Instrument des ­Suchens und Forschens, das, an das man gemeinhin zuerst denkt, ist die Logik, die Vernunft. Sie befähigt den Menschen, seine Wahrnehmungen auszuwerten, zu systematisieren und zur Grundlage allgemeiner Schlußfolgerungen zu machen. Es gibt aber noch ein Instrument, das ebenso wie die Vernunft, dazu in der Lage ist, die Welt zu befragen, und das ist die Kunst! Die folgenden Ausführungen über Harry Meyers Inkubator sollen ein Beispiel dafür geben.

Inkubator Wir

Harry Meyer ist ein Mensch, und er malt – für uns Menschen, die wir schauen. Wenn er „für“ uns malt, tut er dies nicht mit unserem Einverständnis oder gar in unserem Auftrag, und wenn wir schauen, dann keinesfalls immer freiwillig. Aber ihm und uns ist eines gemeinsam: „Wir sind“, um mit Dirk Evers zu sprechen, „räumlich begrenzte und damit neben anderem existierende, in den Grenzen ihrer Wirklichkeit und deren Möglichkeiten sich entwickelnde, in vergehender Zeit zwischen Geburt und Tod sich entwerfende, sich gewinnende oder sich verfehlende Wesen.“ Wir sind Menschen! Inkubator Wir zeigt uns selbst, wie wir entweder auf dem Fundament menschlicher Gewohnheiten oder gesellschaftlicher Leitbilder fest aufliegen – scheinbar fest, denn das Fundament befindet sich in einem labilen Gleichgewicht und kann durch den geringsten Anstoß zum Einsturz kommen –, oder wie wir verzweifelt versuchen, ihrer als einschnürend empfundenen Enge zu entkommen, ohne auf ihre Leitung bereits verzichten zu können, oder wie wir, nachdem wir uns von ihnen befreit haben, konsterniert und erschrocken über unsere plötzliche Freiheit, lernen müssen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Inkubator Die Zeit

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen wurde dem Traum prophetische Kraft zugeschrieben. Die dem „Inkubator“ wortverwandte „Inkubation“ bedeutet ja bekanntermaßen, an heiligen Stätten zu schlafen, um im Traum Rat auf drängende Fragen oder Heilung von Krankheit zu er­halten. Die natürliche „Zeit“ für die Inkubation ist die Nacht als die Hüterin des Schlafes und der Träume. Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine neue Bedeutungsebene für den Begriff „Umnachtung“. Die Menschen auf Inkubator Die Zeit sind im besten Sinne „um-nachtet“: sie sind geistig völlig bei sich und vollkommen konzentriert, der Überflutung durch äußere Sinnesreize enthoben, bereit und bereitet, den Rat und die ­Erkenntnis, die ihnen ihr Traum – oder, mit anderen Worten, ihre höchste Konzentration auf ihr innerstes Selbst und ihre intimste Einkehr zu sich selbst – bieten, zu empfangen. Aber ihre Ausgangslagen sind nicht gleich: der im oberen Bildteil befindliche, liegende Mensch, der so starr wirkt, ist der eigentlich Aktive: er hat sich der Inkubation bewußt unterworfen, er will den Rat, die Erkenntnis bzw. deren Offenbarung ­willentlich und vorsätzlich herbeiführen. Die beiden Menschen der unteren Bildhälfte sind zwar aufmerksam, aber eher abwartend, sie wollen prüfen und betrachten, bevor sie partizipieren, sie stehen für die bedächtigere Natur.

Inkubator Das Erbe

Braun und erdig ist die Fläche im Hintergrund von Inkubator Das Erbe, die dem Bild seine räumliche und zeitliche Tiefe verleiht. Das Erdige stellt auch den Zusammenhang her mit der oben thematisierten Inkubation: wer als Inkubant auf der Erde lagert, um die ihr innewohnenden ­Kräfte so unmittelbar und intensiv wie möglich aufzunehmen, ist ein „erdverbundener“ Mensch. Über die „Erdverbundenheit“ lassen sich weitere Beziehungen aufdecken: Harry Meyer malt den Inkubator – und er malt Landschaften. Die Erde, das Land, der Boden sind Landschaftselemente, gehören zur Natur – wie gleichermaßen der Mensch ein Bestandteil der Natur ist – auch wenn er sich darauf manchmal nicht mehr besinnen kann oder will. Die Erde steht aber noch für etwas anderes: sie ist alt, um Myriaden von Jahren älter als der Mensch und versinnbildlicht ganz besonders das „Erbe“ der Schöpfung, das wir zu bewahren haben. ­ Inku­bator Das Erbe gemahnt uns an diese Pflicht, ­indem er uns unsere eigene Entwicklung im Verlaufe der „Erd“-Geschichte aufzeigt: das Leben auf der Erde hat nicht mit dem Menschen begonnen, symbolisiert wird dies durch die Schädelformen, die an ein Reptil oder ein klei­neres Säugetier erinnern. Das „Erbe“ zeigt uns auch, wie wir auf diese Welt kommen: der Mensch wird geboren, das heraustretende Fruchtwasser ergießt sich unten aus dem Bild, der Lebenssaft Blut quillt dickflüssig rot nach. Der Organismus entläßt seine Lebenssubstanz, das „Erbe“ der Natur erneuert sich.

Inkubator Das Legat

Die Geburt ist vollendet, der Körper geformt, die physiologischen Prozesse funktionieren. Der biologische Mensch wird nun auch geistig Mensch, er beseelt sich. Jeder einzelne Mensch ist neu, einzigartig, und gleichzeitig das „Legat“, das Vermächtnis, aller jemals gewesenen Menschen und ihrer geistigen Substanz. Im Inkubator Das Legat ist dieses am oberen Bildrand aufgehängt, fixiert, wie in einem Kokon ist es verpuppt und konserviert, um sich in unendlich vielfältigen und verschiedenartigen Kombinationen und ­Variationen immer neu zu materialisieren. Der Mensch, der unten aus dem ewigen Fluß und Kreislauf sich verkörpert hat, steht in seiner ­immensen Vielfarbigkeit für diesen unerschöpflichen Reichtum an Erscheinungsformen, in ­denen das „Legat“ des Geistes sich immer wieder ausbildet. Der Mensch hat hier Chance und Schwierigkeit nahe beisammen: einerseits ist die Quelle des „Legats“, des geistigen Vermächt­nisses, zu reich, um in einem Menschenleben überhaupt je versiegen zu können, andererseits hat sich der Mensch um den Reichtum als solchen zwar nicht zu sorgen, und er kann die Art der Hinterlassenschaft auch nicht mehr beeinflussen, um so mehr aber lastet auf ihm die ­Frage, was er wann, wie und in welcher Situation und Reihenfolge mit ihm anfängt. Dies klingt vielleicht harmlos oder gar banal, beinhaltet aber nichts weniger als die Frage nach dem Sinn seines Lebens. Mit den Worten von Dirk Evers: es ist „dem Menschen seine Selbstdeutung und Sinnbestimmung mit der Faktizität ­seiner Existenz und ihrer Bedingungen nicht schon gegeben, sondern allererst aufgegeben“.

Inkubator Die Ahnen

Als ein Knoten, als ein Knäuel, der unwillkürlich dazu drängt, entwirrt und geordnet zu werden, erscheint dieses Bild. Wie aus einem Schlund dringen die Geister auf uns ein, zwingen uns, ­ihre Allgegenwärtigkeit wahrzunehmen, und wenn die große graue Wolke am oberen Bildrand nicht wäre, die den Raum als das „Hier“ und die Zeit als das „Jetzt“ definiert, hätten wir ihnen nichts mehr entgegenzusetzen. Schwierig ist das Verhältnis zu unseren Ahnen: wir bauen einen nicht geringen Teil unserer kulturellen und individuellen Identität auf dem Fundament ihres Tuns und Lassens, orientieren uns an ihren Vorbildern ebenso wie an ihren Fehlern; und – wir befinden uns immer noch im Wortfeld des Inkubators – bereits Herodot berichtet von Völkern, die die Grabstätten ihrer Vorfahren aufsuchten, um in Traumerscheinungen Rat von ihnen zu erhalten. Es ist natürlich, sich zunächst an die zu wenden, die man kennt, weil man bei ihnen davon ausgeht, daß sie einem wohlgesonnen sind. Ob man hingegen Inkubator Die Ahnen trauen kann, weiß man nicht so recht – rätselhaft und mächtig, gar übermächtig, erscheinen sie in der Zeit- und Endlosigkeit ihres Sich-Auf-Uns-Stürzens. Begraben wurden sie, aber sind sie wirklich tot? Verharren sie nicht vielmehr in einem Zustand des Untot-Seins? Genau in diesem ­Gedanken, diesem zunächst negativen Gefühl, erschließt sich jedoch die Lösung, das Knäuel, den Knoten, zu durchschlagen: die Ahnen ge­hören der Welt der Toten wie der der Lebenden gleichermaßen an, durch ihre Zugehörigkeit zu beiden Welten, zum Jenseits wie zum Diesseits, wandeln und schweben sie zwischen beiden Welten und können für den, der willens ist, sich darauf einzulassen und ihre lautlosen Gedanken zu hören, eine Mittlerfunktion einnehmen. Sie bestärken uns in der Gewißheit zu leben, und machen uns gleichzeitig bewußt, daß auch wir dereinst zu ihnen gehören und die Mittler sein werden für die, die nach uns kommen.

Inkubator Die Generationen

Eine Generation kann man umschreiben als ein Menschenalter. Viele Generationen als ein paar Jahrhunderte. „Die Generationen“ als die Gesamtheit aller Menschen, als das menschliche Leben als solches, das sich immer wieder aus sich selbst heraus neu erzeugt, eben „generiert“. Das Dasein ist ein sich ständig wiederholender Kreislauf, Prozesse des Verfalls und des Wiederaufbaus laufen gleichzeitig ab, indem die eine Struktur zerfällt, werden ihre essentiellen Bestandteile und ihre Energie zum Ursprung und Bestandteil einer neuen Form. Soweit ein naturhafter, physiologischer Vorgang. Inkubator die Generationen zeigt drei Menschen, je einen ­Repräsentanten der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, vor einem unendlich ­erscheinenden Hintergrund, als seien sie allein auf einem Schiff inmitten eines weiten endlosen Ozeans, oder als schwebten sie auf einer Fähre im All. Außer ihnen ist nichts, der körperliche Raum wie der geistige Bezugspunkt konstituieren sich durch sie. Sie wirken aufeinander und bewirken sich gegenseitig. Das Leben generiert und regeneriert sich; der Mensch bewirkt sich durch seine Beziehung zum anderen Menschen und durch die Reflexion auf sich selbst – und tritt so, für einen Augenblick, aus dem ewigen Zyklus heraus.

Inkubator Transit

„Es gibt zwei Grundsätze, die dem tiefsten ­Wesen der Dinge innewohnen und in besonderer Verkörperung wiederkehren, ... der Geist des Wechsels und der Geist der Bewahrung. ... Bloßer Wechsel ohne Bewahrung ist ein Übergang von einem Nichts zum andern Nichts. ... Bloße Bewahrung ohne Wechsel kann nichts ­bewah­ren. Denn schließlich sind alle Umstände im Fluß ... Das Wesen seiender Wirklichkeit ­be­steht aus Organismen, die im Fluß der Dinge beharren. ... Ein statischer Wert, so ernst und bedeutend er auch sei, wird durch seine erschreckende Mo­notonie des Beharrens unerträglich.“ Dieses Prinzip, von Alfred North White­head 1925 noch vor dem spezifischen Hintergrund der Voraus­setzungen permanenten sozialen Fortschritts ­gesehen, verdeutlicht in beeindruckender Weise das Inkubator Transit zugrundeliegende Motiv. Wir alle, in unserem gegenwärtigen Leben, als Verbindungsglieder zwischen dem, was uns hinterlassen wurde und dem, was wir – nachdem es Gegenstand unserer wie auch immer ­gearteten „Bearbeitung“ oder auch Indifferenz war –, selbst hinterlassen werden, stehen vor der Aufgabe, sich unserer Welt zu stellen: vieles, was sie für uns bereithält, wird uns bereichern und im besten Sinne „aufbauen“, manches werden wir vielleicht nie verstehen, und manches wird uns entsetzlich und beängstigend werden. Wenn wir unseren Platz in der Welt finden ­wollen, müssen wir immer wieder neu un- sere Werte und Ideale hinterfragen, müssen Entscheidungen treffen, welche zu bewahren und welche behutsam zu verändern oder zu erneuern sind. Kunst ist eine Hilfe, auf die wir uns dabei verlassen können.

Brigitte Herpich

    Literatur
  • Barthes, Roland, Mythen des Alltags, Frankfurt am Main (2)1970 (französische Originalausgabe: „Mythologies“, Paris 1957)
  • Evers, Dirk, Raum – Materie – Zeit. Schöpfungs­theologie im Dialog mit naturwissenschaftlicher Kosmologie, Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie, Band 41, Tübingen 2000
  • Wacht, Manfred, Artikel „Inkubation“, in: Reallexikon für Antike und Christentum, heraus­gegeben von Ernst Dassmann, Band XVIII, ­Stuttgart 1998; Spalten 179 bis 265
  • Whitehead, Alfred North, Wissenschaft und ­moderne Welt, Zürich 1949 (amerikanische Originalausgabe: „Science and the Modern World, New York 1925)
  • Wildiers, N. Max, Weltbild und Theologie. Vom Mittelalter bis heute, Zürich/Einsiedeln/Köln, 1974